Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis (8. Oktober 2006 9.30 Uhr) zur Einweihung des Milic von Kremsir Gemeindezentrums in Prag-Chodov. Dr Friedhelm Borggrefe, Pfalz, Deutschland

Text: 1. Chronik 29,1,6-10a,13-18

Thema: Kirche Schutzhülle für die Seele

Liebe Gemeinde, Gemeinde Jesu Christi

Kirche ist Schutzhülle für die Seele. Da bin ich geborgen. Immer wenn etwas Schlimmes passiert: Wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, von einer bösen Krankheit erfahren oder nach Katastrophen, nach den Terroranschlägen von 11. September zum Beispiel, erinnern sich viele wieder dran: ja, es gibt einen Ort, an dem können wir zusammenkommen und aussprechen, wie nackt und ungeschützt wir uns fühlen. Und zwar nicht nur höchst privat, sondern als Gemeinschaft. Kirche als Schutzhülle für die Seele des Volkes.

Weil in der Kirche Gott wohnt, gelten hier andere Gesetze als in anderen öffentlichen Gebäuden. Hier gibt es Asyl für Flüchtlinge, hier darf niemand rein, der eine Waffe trägt.

„Wie lieblich schön, Herr Zebaoth, ist deine Wohnung, oh mein Gott.“ Heißt es in einem Kirchenlied. Jetzt haben wir in Prag Chodov auch so eine Kirche, ein Gotteshaus.

Es wäre unverantwortlich gewesen hier draußen, im Süden der Stadt Prag zwar 30.000 Wohnungen, Schlafplätze für Menschen zu haben, aber kein Haus für Gott zu finden. Das durfte nicht so bleiben.

Gott will unter uns wohnen. Und wir brauchen ein Gottes Haus, ein heiliges Haus, ein Haus, in dem Gott einen Namen hat. Wir brauchen ein Haus, in dem Gottes Gnade erlebbar wird, ein Haus, in dem wir getröstet werden und unsere Seele sich hinflüchten kann. Ein Haus der Freiheit, in dem der Glaube wachsen kann, ein Bethaus, in dem in Ruhe mit Gott sprechen können, ein Klanghaus, in dem wir uns die Hoffnung auf eine neue Welt ins Herz singen können, auf eine Welt, in der Gerechtigkeit wohnt.

Ich frage: Wo gibt es bei uns sonst noch ein öffentliches Haus, in dem man zusammenkommt und miteinander ausspricht, wie ungeschützt man sich auch fühlt? Wo gibt es sonst noch einen Ort, an dem man über Schuld redet und sie eingesteht- öffentlich. Und Gott darum bittet, dass er uns eine neue Chance gibt?

Wir brauchen ein Haus Gottes hier.

Wir hören jetzt aus dem Buch der Chronik (unsere ausländischen Gäste können den Text in deutscher oder englischer Sprache mitlesen). Da wird in der Bibel erzählt, wie David den Bau des Tempels in Jerusalem vorbereitet hat. Auch unsere Baugeschichte steckt da drin, lange bevor wir angefangen haben zu bauen. Da heißt es im 1. Chronikbuch Kapitel 29: (Text nur Tschechisch)

Lesung: 1. Chronik 29,1,6-10a,13-18

Dieses Dankgebet Davids könnte auch unser Gebet heute werden.

Natürlich: wir haben nicht einen Tempel gebaut. Nein wir haben neben ein Asylhaus mit dem schönen Namen „Gemeinsamer Weg“ ein Haus gesetzt, das nur von freiwilligen Geschenken lebt. Das ist so und das wird so bleiben. Und: wir haben auf vielfältige Weise und auch schmerzlich erfahren: wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir wie unsere Väter. Unser Leben auf Erden ist wie ein Schatten und bleibet nicht. Wir denken in diesem Augenblick an die Menschen, die verstorben sind und noch gerne die Vollendung dieses Baues erlebt hätten. (Stille)

Aber Erstaunliches ist geschehen: Christen aus ganz Europa, aus den Gemeinden in der tschechischen Republik, aus Deutschland, der Schweiz, aus England, Schottland und den USA, Menschen, die sich nie gesehen haben und sich nie kennen lernen werden, haben freiwillig Geld gegeben, damit dieses Haus entstand. Die lange Liste der Spender, Stifter und Sponsoren wird sicher heute noch dankbar genannt.

Alle haben das alles aus aufrichtigem Herzen freiwillig gegeben, weil sie bei Gott erfahren haben: Leben ist ein Geschenk. Und dieses Geschenk können wir nur erhalten, wenn wir es weiter geben. Leben ist Leben mit offener Hand. Davon erzählt dieses Haus von allem Anfang an. Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt o Gott von dir, wir danken dir dafür.

Dieses Haus mit seinem Turm und den Glocken, mit der kleinen Orgel, und dem Abendmahlstisch zeigt: Gottes Name will unter uns wohnen. Hier ist Gottes Wohnzimmer! Gott will nicht anonym bleiben in Prag Chodov. Er will Sprache haben, uns ansprechen. Er will Menschen gewinnen und mit uns reden durch sein Wort.

Dieses Haus sagt: die Rede von Gott ist ein öffentlicher Vorgang. Das geht alle an. Darum rufen die Glocken.

Dieses Haus hat viele Plätze. Es lädt Menschen ein und sagt: Kommt, denn es ist alles bereit, schmecket und sehet, wie freundlich Gott ist. Gott ist ein Geheimnis, wir können es gemeinsam finden, anbeten und feiern.

In diesem Haus gibt es sogar einen Dolmetscher oder auch eine Dolmetscherin, der uns das alles erklären kann. Das ist der Pfarrer, oder auch einmal eine Pfarrerin vielleicht. Das sind Menschen, die sollen die Frage nach Gott offen halten. Hier –ganz integriert, nur durch eine Tür getrennt- ist die Pfarrerwohnung. Wir, als Pfarrer oder als Pfarrerin, haben das Wort Gottes, das uns allen anvertraut ist, für die Menschen hier vor Ort auszulegen, zu verdolmetschen. Und wir haben als Seelsorger und Lehrer präsent zu sein. Das ist unsere Lebensaufgabe.

Und in diesem Haus ist Platz. Das ist wichtig: in der kleinsten Kirche ist Platz für alle, die kommen und hören wollen, was Gott uns heute zu sagen hat. Da sind offene Türen. Da ist kein Unterschied zwischen heilig und profan. Der Vorhang zum Allerheiligsten, zum Herzen Gottes, ist grundsätzlich offen: Ich weiß noch, wie Jiri Vesely, unser verstorbener Architekt, mir das da draußen an der Tür an der Betonplastik gezeigt hat: Wer hier hineinkommt, geht durch den offenen Vorhang!

Wir haben keinen Tempel hier, aber doch einen Raum, wo an diesem Tisch Gottes Gnade einen Thron hat. Wenn wir als Christen von der Gnade reden, dann müssen wir von Jesus Christus sprechen. Bei ihm und durch ihn ist Gnade erlebbar. Das dürfen wir im Abendmahl feiern, offen, ohne Grenzen. Und wir dürfen unsere Kinder in der Taufe der Gnade Gottes anvertrauen.

Milic von Kremsir, nach dem dieses Haus genannt ist, war ein Mensch, der Christus gefunden hat. Er hat ihn in den Armen gesehen. Er hatte ein Auge für die Menschen mit Defiziten. Das war der Punkt: Da hat er immer wieder neu das Evangelium entdeckt. Er wusste: da fragt uns Gott. Da sind wir herausgefordert zur Liebe.

In der Prager Südstadt mit ihren rechteckigen Wohnblocks steht dieses Haus mit seinen interessanten Formen als eine Frage. Dieses Haus strahlt etwas aus, es fragt nach dem Geheimnis der Liebe Gottes. Gottes Liebe will hier präsent sein, rein und klar.

Doch schon der König David wusste: nicht in einem Haus, das mit Händen gemacht ist, lebt Gottes Liebe. Da verkümmert sie, wenn wir unter uns bleiben.

Gottes Liebe lebt auf, wächst, blüht und gedeiht in der Begegnung. Dieses Haus will ein Ort der Begegnung sein. Es hat keine Schwelle. Gesunde und Kranke. Arme und Reiche. Junge und Alte. Alle haben hier Zugang. Alle Menschen können hier aus Gottes Wort etwas von seiner Liebe erfahren und einüben. Ja, dieses Haus will Schutzhülle sein für die Seele.

„Herr, Gott Abrahams, Isaaks und Israels, unserer Väter, bewahre für immer solchen Sinn und solche Gedanken in unseren Herzen und richte ihre Herzen auf dich!“ Amen

(Preacher: Dr Friedhelm Borggrefe, Pfalz, Germany)
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